Ungehaltene Rede zur Matinée Lesung:

Klage, nicht Anklage

Christoph Dejung hat Daniel Saladin in den letzen Jahre von Australien aus immer wieder unterstützt.

In Australien lebend, hatte er keine Gelegenheit, an der Matinée teilzunehmen. Die Rede, welche er vor Ort gerne gehalten hätte, hat er uns für die Webseite zur Verfügung gestellt.

1 / Wie es zur ungehaltenen Rede kam

In meiner augenblicklichen Lage bin ich dazu verurteilt, ungehaltene Reden zu schreiben, da ich nicht dabei sein kann, wo sie gehalten würden. So ist das folgende für den 15. Juni nur ein Beitrag, kein Vortrag.

Anders als Émile Zola kann ich auch keine Anklage führen; es muss bei einer Klage bleiben – über das, was wir in der Saladin-Affäre erlebt haben, und woran wir nichts ändern können, so lange wir unsere Mitbürger nicht davon überzeugen können, dass der einzelne Mensch, das einzelne Opfer, uns alle angeht, und dass wir unsere eigenen Feh-ler zuerst angehen müssen. Die Vorstellung, es wäre möglich, an der Gesellschaft im Ganzen etwas zu ändern, habe ich für meine Zeit verloren; wir müssen auf die Zukunft hoffen. Vielleicht wird die Saladin-Affäre unser Land in eine neue Runde der Aufklärung führen (vermutlich ja nicht); es müsste sich dazu sehr viel ändern, wie wir sehen wer-den: das ist der Grund für meine Klage.

Ich versuche, das was geschehen ist, so ernsthaft wie möglich danach abzutasten, was zu beklagen ist, und gehe durch die Ereignisse, so gut ich sie beurteilen kann. Und ich ver-suche zu jedem Sachverhalt, der mich bedrückt, auch etwas Positives zu sagen; an jeder Tatsache gibt es auch das, worüber man froh sein soll, denn man könnte sich alles im-mer noch viel schrecklicher denken.

2 / Die Ungehaltene Rede

Zuerst war da ein Überfall. Damit geschah etwas, was jeden Tag geschieht, und was in einem Rechtsstaat sicher geschehen darf: Einem Menschen, der sich im Nachhinein als unschuldig herausstellt, wird die Freiheit genommen, seine Wohnung wird durchsucht, und alles geschieht überraschend, am frühen Morgen. Zu beklagen ist, wie das Opfer nachher berichtet, die Abgebrühtheit, die Geringschätzigkeit, die Gefühllosigkeit der Handelnden, die wohl in den entsprechenden Berufen sich mit der Zeit einstellt; man sieht den Menschen nicht an, welche Behandlung sie ‘verdient’ haben. Dass Wichtigstes (etwa die vorgeschriebene Aufsicht über die allerpersönlichsten Handlungen wie Waschen, Stuhlgang und Ankleiden) nicht als Fürsorge, sondern als Erniedrigung erlebt wird, ist unvermeidlich, wäre es auch bei einem Wirtschaftskriminellen oder einem Gewalttäter. Froh sein muss man, dass der Vorgang nicht noch viel schlimmer war – was man sich leicht vorstellen könnte.

Meine erste Klage betrifft die Tatsache, dass wir den besonderen Respekt, den jeder Anschuldigte – weil er unschuldig sein könnte – verdient, in unserer Gesellschaft nicht lehren, nicht durchsetzen, nicht verlangen von denen, die angeblich dem Recht dienen.

 

Ich bin geschockt, dass einem Menschen, den ich hoch schätze, das angetan wurde, nur weil eine eigentlich erbärmlich magere Beschuldigung vorlag, die das, was unternom-men wurde, nur dann gerechtfertigt hat, wenn hinter der Anschuldigung eine unveröffentlichte, nicht eingestandene Verdächtigung gelaufen ist, wonach man wahrscheinlich einen pädophilen Menschen vor sich habe, dem man das Lehramt wegnehmen könnte. Wie sonst wäre es zu erklären, dass man eine überraschende Hausdurchsuchung angeordnet hat – bei einem Lehrer, von dem man nur wusste, dass sich eine Mutter über von ihm gelesene Literatur ereifert hat? Froh sein muss man, dass es eine Einzeltäterin war, womit die Chance, dass man außerhalb der Presse jeden kritischen Menschen von der Unschuld des Angeschuldigten überzeugen kann, deutlich größer ist. Das Faktum aber, dass eine Einzelperson das tun kann mit der größten Aussicht auf Erfolg, führt mich zu meiner zweiten Klage:

Meine zweite Klage betrifft die Tatsache, dass es in der Schweiz eine große Abgehärtetheit braucht bei Anschuldigungen, wenn man beispielsweise Lehrer ist – so wie jeder Kaufmann, der etwas verkauft, dazu befähigt sein muss, gegen unbegründete, herabsetzende Beschuldigungen vorzugehen, müsste das leider auch ein Deutschlehrer.

 

Ich bin empört, dass es einen Staatsanwalt gibt, der sich nicht um das Gesetz kümmert, das ihm zwingend vorschreibt, auch alle Beweise zu untersuchen, die zugunsten eines Angeschuldigten existieren könnten. Die Nichtbefragung anderer Schülerinnen oder Schüler, die Nichtuntersuchung der Schulvorbereitungen und Unterrichtsmaterialien beweist, ganz abgesehen von der Justizbeamten selbstverständlich zustehenden Möglichkeit, den Angeschuldigten so lange warten zu lassen, wie sie wollen, mit wieviel Menschenverachtung diese Beamtin vorging. Froh sein muss man, dass ihr Vorgehen vom Einzelrichter mit klarer Argumentation gerügt wurde.

Meine dritte Klage betrifft die Tatsache, dass es keine Chance gibt, gegen ein derartiges berufliches Fehlverhalten vorzugehen, weil die politische Gemeinschaft Angehörige der Dritten Gewalt mindestens so sehr für unantastbar erachtet, wie sie Lehrer verachtet.

 

Was dann geschah, die Nichtreaktion der Bildungsdirektion und der Kollegen, ist natürlich durch das ‘laufende Verfahren’ gerechtfertigt. Dass diese Nichtreaktion sich nicht veränderte mit der Dauer des Verfahrens, dass der Angeschuldigte sich verlassen und verraten fühlen musste, wiegt sehr schwer. Seit mehr als dreißig Jahren unternehmen Bildungspolitiker und Pädagogikprofessoren unheimlich viel, um des Lehrers Alleinstehen in seiner Arbeit zu mildern, freilich ohne wesentlichen Erfolg. Bedauerlich ist die Grundhaltung der Konkurrenz und des Misstrauens, das die Mittelschullehrer heute noch derart prägt. Froh sein muss man, dass es Ausnahmen gab, die sich um den leidenden Kollegen kümmerten (insbesondere seinen Rektor) und froh sein muss man, dass Schüler den Weg zu ihm fanden.

Meine vierte Klage betrifft die Angehörigen meines Berufes, die so leicht einzuschüchtern sind und so wenig solidarisch.

 

Es kam dann endlich zu einer Verhandlung, bei der scheinbar ‘alles in Ordnung gebracht wurde’ durch die schon erwähnten mutigen Worte des Einzelrichters. Dass in Wirklichkeit nichts in Ordnung kam, sondern die verwerflich handelnde Anklagebehörde sich in Sicherheit fühlen kann, wie die mit unwahrer Beschuldigung am Anfang stehende Mutter, hat der gleiche Einzelrichter mit der Nebenstrafe erreicht, die niemand überprüfen kann; die Vermutung bleibt am wahrscheinlichsten, dass die umfangreiche Sammlung von Aktbildern, aus der einige wenige (angeblich) stammten, die dafür gebraucht wur-den, den Angeklagten nicht zu frei zu sprechen, vermutlich bei einer beliebigen zeitge-nössi¬schen Sammlung von Kunstwerken oder Photographien gleichen Umfangs auch zu finden wären, gewissermaßen wie die ‘Stellen’ in den für die Anklage missbrauchten Werken der Literatur. Froh sein muss man, dass dieser Einzelrichter seine guten Worte fand; es hätte ja auch so sein können, dass ein Mensch gleicher Art wie die Anzeige-Erstatterin und die Untersuchungsrichterin auf dem Richterstuhl gesessen hätte. Dann wäre der Unschuldige, wie in klassischen Kunstwerken oft dargestellt, vernichtet worden.

Meine fünfte Klage betrifft die in der Schweiz bekannte Praxis (wer erinnert sich an den Winterthurer Uhrmacher?), dass die Justiz mit ‘kleinen’ Nebenstrafen sich einnebelt, und von der Szene verschwindet.

 

Den Abschluss bildete eine ‘Begnadigung’ durch die Bildungsdirektion, der auch nur das mindeste Gefühl für die Bedrohtheit ihrer Untergebenen zu fehlen scheint, und die himmelweit von einer Rehabilitation, die geschuldet wäre, entfernt ist. Danach ein Buch der Reflexion, mit dem der aus der Gesellschaft ausgestoßene Unschuldige sich meldet, und das von Lokalpolitik und Presse als gefundenes Fressen dazu gebraucht wird, alle schiefen Handlungen durch doppelt ungerechtfertigte Angriffe auf ihn zu verstärken. Froh sein muss man, dass sich dagegen einige Freunde und einige, die sich mit Unrecht nicht abfinden können, heute wehren.

Meine letzte Klage ist die über einen Zeitgeist, der an denjenigen des viktorianischen Zeitalters erinnert, und der sich von den größten Geistern des zwanzigsten Jahrhunderts, ob sie nun Freud heißen oder Jung, Kafka oder Musil, Sartre oder Russell, Dürrenmatt oder Frisch, so weit entfernt hat, wie das gesunde Volksempfinden es nur empfiehlt.