Matinée Lesung: 15. Juni 2014

Wir haben ein Zeichen gesetzt und die Matinée am Sonntag, 15. Juni 2014, um 11.00 Uhr im ausverkauften Theater Neumarkt in Zürich durchgeführt

Lesung, Referat, Musik und Performance zu Daniel Saladins Buch "Aktion S. Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf"

Theater Neumarkt in Zürich: Die Matinée hat statt gefunden und zu angeregten Diskussionen geführt. Wer nicht mit dabei sein konnte, kann die drei Referate unten nachlesen. Bilder und einen Video zur Matinée, sowie eine  "Ungehaltene Rede" zur Matinée haben wir ebenfalls aufgeschaltet. Wir freuen uns über Rückmeldungen zur Matinée. Das Radio SRF 2 Kultur hat über die Matinée berichtet. Nach Möglichkeit, werden wir ihren Bericht in Kürze auf derselben Seite verlinke.

Programm der Matinée

Moderation

Bettina Spoerri, Germanistin, Leiterin Literaturhaus Lenzburg

 

Stellungnahmen

Ruth Schweikert, Schriftstellerin

Heiner Weidmann, Philosoph

Katharina Rückl und andere ehemalige Schüler der Klasse 3i, Literargymnasium Rämibühl

 

Lesung

Ausschnitte aus 'Aktion S. Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf' von Daniel Saladin gelesen von Yvonne Weissberg, Germanistin, Historikerin und Gymnasiallehrerin, sowie von Christian Seiler, Regisseur und Schauspieler, Leiter AG Theater Rämibühl

 

Musik

Matthias Roth, Pianist

Lea Dudzik, Sängerin und Songwriterin sang von Brecht/Eisler: Die Ballade von der 'Judenhure' Marie Sanders
Robert Braunschweig, Sänger sang von Schubert: Die Forelle kombiniert mit einem Hair-Zitat

 

Video, Fotografie

Daniel Bucheli, Roland Soldi

 

Performance

*Protestaktion 11. April, Dufourstrasse 23*

Annatina Bandli, AnaÏs Bourgogne, Levin Vieth, Aurel Mäder, ehemalige und aktuelle Mitglieder der AG Theater Rämibühl

 

*Fiktiver Dialog, inspiriert durch eine reale mail-Kommunikation*

Miriam Morgenstern und Joachim Aeschlimann, Schauspielstudierende Zürcher Hochschule der Künste

 

*Szenisches Duett aus: 'Biografien des Hungers', einer Inszenierung von Christian Seiler und Bruno Catalano für die AG Theater, welche 2013 mit 'Ich hätte nicht übel Lust', einem Projekt zu Wedekinds 'Frühlings Erwachen', zum 'Fall Saladin' Stellung genommen hat*

Sonja Glock, Daniel Riniker

 

Ansprechpersonen während der Publikumsdiskussion

Ruth Schweikert, Yvonne Weissberg, Katharina Rückl, ehemalige Schülerin von Daniel Saladin, Andreas Simmen, Programmleiter Rotpunktverlag und Herausgeber von 'Aktion S.'


Vorbereitungsteam

Michèle George, Corinne Rufli, Elena Benzoni, Yvonne Weissberg, Gabi Franz, Ruth Schweikert, Christian Seiler

 

Wir danken dem Theater Neumarkt, insbesondere Eva Heller, Andreas Bögli und Inga Schonlau, für die Kooperation, sowie Ultimo Bacio für den Apéro.

Was uns betrifft, Von Ruth Schweikert, Autorin

 

Wie beginnen? Gerade eben habe ich „Aktion S.“ zu ende gelesen; zweimal ist es mir abhanden und damit hoffentlich unter die Leute gekommen, einmal habe ich es im Zug liegengelassen, ein zweites Mal irgendwo. Nein, Daniel Saladin macht es uns nicht leicht, er benennt sie auch selber, seine Rigorosität, wer nicht 100% für mich ist, d.h. wer meine Sicht der Dinge, meine Analyse der Gegenwart aufgrund der Ungeheuerlichkeit, die mir angetan wurde, nicht zu 100% teilt, ist gegen mich; Hatz und Totalitarismus sind schwerwiegende Begriffe und stehen für millionenfachen Mord - ohne jeden vorausgegangenen Prozess. Die mögliche Irritation über diese Begrifflichkeiten darf uns indessen nicht davon abhalten, die totalitären Tendenzen in unserer Gesellschaft zu übersehen oder zu bagatellisieren; sie darf uns nicht davon abhalten, das aus diesem Buch mitzunehmen, was uns davor bewahren kann, eines Tages unversehens tatsächlich in einer totalitären Welt zu erwachen. Ich werde kein Plädoyer halten für Daniel Saladins vollumfängliche Rehabilitierung; ich werde mich auch nicht näher zum Zürcher Justizwesen äussern oder einzelne Akteurinnen und Akteure und ihre Unfähigkeit an den Pranger stellen; die Aktion S. als Justizskandal: ja, aber meiner Meinung nach greift dieser Reflex zu kurz, weil er uns Bürgerinnen und Bürger, das gesellschaftspolitische Klima aussen vor lässt, das diese Anklage, den Prozessverlauf, das Urteil und die mediale Orchestrierung erst möglich gemacht hat; hätten wir es „nur“ mit – je nach Lesart – überforderten, inkompetenten oder überreagierenden Einzelpersonen zu tun, wäre die „Aktion S.“ ein bedauerlicher Einzelfall, eine persönliche Tragödie für den Betroffenen; mit Phänomenen wie „Helikoptereltern“, „Überwachungsgesellschaft“, den Dauerevaluationen sämtlicher Arbeitsprozesse, mit der überwältigenden Annahme der Verwahrungs- und der so genannten „Pädophilen-Initiative“, mit „uns“ also und unserer Verantwortung hätte sie nichts zu tun.

 

Daniel Saladin war für mich in den ungefähr fünfzehn Jahren unserer Freundschaft einer der wenigen Menschen, mit denen ich über alles - und damit meine ich wirklich über alles - reden konnte, obwohl wir uns nicht häufiger sahen und sprachen als zwei- dreimal pro Jahr, und reden, das hiess: Eine Sache, ein Geschehen, ein Gefühl, Empfinden so lange und so genau von verschiedenen Seiten anzuschauen, bis es sich in all seinen Facetten zeigte, klarer und vieldeutiger zugleich. Und natürlich haben wir dabei auch gelacht - und geweint. Und uns umarmt. Nichts Menschliches war Daniel fremd, und immer war er leidenschaftlich interessiert an seinem Gegenüber, an seiner Sicht-, Empfindungs- und Denkweise, ein Intellektueller mit Leib und Seele und Herz; so muss er auch als Lehrer gewesen sein, einmal habe ich ihn im Unterricht erlebt – und genau das UND NUR DAS (und das ist der eigentliche Skandal) wurde ihm zum Verhängnis; dass er ein ganzer komplexer und komplizierter Mensch ist, der sich nicht auf- und abspaltet in seine einzelnen Funktionen - und der nicht vorgibt, alles im Griff zu haben; die Bücher und Texte, die er als Lektüre für die Klassen ausgewählt hat, waren, wie Daniel selbst schreibt, letztlich blosser Vorwand für die Anklage, für die es eben keinen objektiven Grund gab, nur jenes dumpfe Gefühl dieser Mutter, da könnte einer ein wenig anders sein als die Mehrheit der Lehrpersonen. Diese Mutter aber, die ängstliche, besorgte Mutter, auf Sicherheit bedacht, so meine Behauptung, steckt in uns allen, ganz egal, ob wir Mütter oder Väter sind, keine oder bereits erwachsene Kinder haben. Die entscheidende Frage ist, wie wir mit ihr umgehen. Niemand war sexuell missbraucht worden; die Bücher ein Vorwand, der immerhin Anlass bot für ein paar KantonsrätInnen, ein Postulat einzureichen, in dem gefragt wurde, wie man den Unterricht frei halten könne von pornographischen „Werken“ (in Anführungszeichen!), und zur Folge hatte, dass Deutschlehrerinnen und –lehrer an Gymnasien sich die Lektüre des einen oder anderen literarischen Werkes nach diesem „Fall“ sehr genau überlegen und im Zweifelsfall, d.h. wenn sie befürchten, damit auch nur im Entferntesten Anstoss erregen zu können, darauf verzichten.

 

Das aber ist oder wäre als Konsequenz fatal, aber wohl nichts als folgerichtig, wenn wir uns den Zeitgeist vergegenwärtigen.

 

Kaum je ist man so allein wie in der Pubertät. Ich sehe das gerade bei unseren Zwillingssöhnen; sie wissen noch nicht, woher auch!, dass ihre Qualen, Sorgen und Nöte, das sexuelle Erwachen, die Fragen, die sie sich stellen, fundamental zum Menschsein gehören; sie neigen dazu, sich, ihre heftigen Gefühle, ihre Gedanken und Schwierigkeiten für einzigartig zu halten – was zu Selbstüberschätzung und extremen Einsamkeitsgefühlen führen kann, ganz egal wie sehr jemand vernetzt ist. Gute Literatur, engagiert vermittelt, wie etwa Daniel es tat, ist kein Wunderheilmittel dagegen, aber indem Literatur den Menschen und seine Existenz in ihrer Komplexität zur Sprache bringt und verhandelt, auch und gerade den jungen Menschen in Extremsituationen, bietet sie vielfältige Vorlagen, an denen das jeweils Eigene gemessen und auch relativiert werden kann. Auch wenn bei der „Aktion S.“ die inkriminierten Texte nur ein Vorwand waren, zeigt die Geschichte, dass es eine Tendenz gibt, Literatur (und allgemeiner: Kunst) und die differenzierte Beschäftigung damit unter den Generalverdacht der Perversion, des Ungesunden zu stellen, bzw. Literatur und Kunst höchstens noch als Vehikel für pädagogische Absichten zu missbrauchen.

 

Warum ist das so? Einer ungeheuren, nie da gewesenen Öffnung, einem Zugang zu Wissen, Daten, News aus aller Welt in Echtzeit, aber auch zu Meinungen, Betroffenenforen, zu Dokumenten wie Fotos, Filmen etc. steht eine Zunahme von Kontrollmechanismen und Reglementierungen gegenüber, sowohl in der realen wie in der virtuellen Welt. Dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein darf, versteht sich von selbst; dass sich aber in der impliziten und expliziten Überwachung, die das erfolgreichste Geschäftsmodell der letzten zehn Jahre ist - „Durch deine Klicks und Spuren, die du hinterlässt im Internet und im realen Leben, via Distanzmessgeräte zum Beispiel, wissen wir mehr über dich als du über dich selbst wissen willst“, zB. Krankheitsrisiken, aber eben auch Neigungen wie Pädophilie (die zum Glück – im Unterschied zu pädosexuellen Handlungen) kein Straftatbestand ist und niemals einer sein kann; oder wollen Sie wirklich, dass wir alle antreten müssen und uns Fotos gezeigt werden von Minderjährigen, und unsere Körperreaktionen darauf überprüft werden?) – eine Tendenz manifestiert, die absolut inhuman ist, unsere innere und äussere Freiheit massiv bedroht, das muss uns zu denken geben; die Utopie oder besser Dystopie, mit immer genaueren Reglementierungen eines Tages alles und alle, aber wirklich alles und alle, unter Kontrolle haben zu können, diese Vorstellung ist ein Brandsatz, der sich gegen uns selbst richtet - und letztlich das Delegieren von persönlicher Verantwortung an irgendwelche scheinbar übergeordnete, dafür vermeintlich geeignete Instanzen bedeutet, seien es nun Maschinen oder Gerichte; und damit kehre ich zu jener Mutter zurück – und wir alle, wie ich oben behauptet habe, sind zuweilen jene Mutter – warum nur ist sie nicht persönlich zu Daniel Saladin gegangen und hat mit ihm das Gespräch gesucht? Etwa darüber (wenn es denn so war), dass ihre Tochter (oder sie selbst) verunsichert sei über die Art und Weise seines Unterrichts? Ich bin mir sicher, Daniel hätte sich auf dieses Gespräch eingelassen, und jene Mutter wäre mit dem Gefühl nach Hause gegangen, dass der Lehrer ihre Ängste und Bedenken ernst nimmt – und sie hätte sich womöglich ein paar Fragen gestellt über sich und ihre Weltsicht – und zuhause das Gespräch mit der Tochter fortgesetzt; alle Beteiligten wären bereichert aus dieser Auseinandersetzung hervorgegangen. Wir alle sind zuweilen überfordert im Umgang mit uns selbst, den Asylbewerbern, unseren Beziehungen und unseren Kindern, mit uns und unseren Gefühlen, mit der Komplexität dieser Welt; da hilft es nur, wenn wir diese Überforderung benennen - und dabei nicht stehen bleiben; wenn wir begreifen, dass alle Gesetze und Regeln uns nicht aus der persönlichen Verantwortung entlassen; wenn wir begreifen, dass wir genau Menschen wie Daniel und die Irritation, die sie auslösen mögen, notwendig brauchen in der Mitte unserer Gesellschaft.

 

Die Komplexität einer offenen Welt lässt sich nicht bewältigen, indem wir genau diese Offenheit wieder einschränken, der Preis, den wir alle dafür bezahlen, ist viel zu hoch.

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Philosophische Aspekte, Von Heiner Weidmann, Philosoph

 

1 /  Lesen wir Saladins Buch als philosophische Untersuchung.

Lesen wir es nicht bloss als Aufschrei eines gekränkten, verwundeten Einzelnen, der seinen eigentlich ganz scharfen Verstand braucht und einsetzt, um seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

– Nehmen wir es so: Da redet einer, dessen Existenz zerbrochen ist, – zerbrochen worden ist, und sein Blick ist deshalb unheimlich geschärft und genau geworden, und er hat jetzt nicht nur Zeit, leider alle Zeit der Welt, sondern auch allen Grund, sich mit einer Sache auseinanderzusetzen, auf die andere, die es genau so gut hätte treffen können, nur mit Schaudern hin- und gleich wieder wegsehen: „Bin ich froh, dass ich diese Scheisse nicht selber am Hals habe.“

Das Buch ist keine Verteidigungsrede, keine Rechtfertigung vor einem „Hohen Gericht“. Es ist eigentlich genau die Vorbereitung zur Absetzung dieses Gerichts (auch wenn wir wissen, dass das niemals geschehen wird), die Offenlegung der Verfahrensweisen, mit denen dieser Apparat seine Macht immer von neuem behaupten und ausüben kann, so als würde er diese Macht nicht immer tatsächlich grundlos, ohne einen ausser ihm liegenden Grund zu haben, fortwährend entstehen lassen.

Es ist dieses Entstehenlassen, das im Buch in einer Präzision und Ausführlichkeit, die oft schwer erträglich ist, analysiert wird. Die Kühle, die dazu nötig ist, kann vielleicht nur ein heisser Schmerz erzeugen.

 

2 /  Als Lehrer hat Saladin gelesen. Jetzt ist er gefangen, jetzt findet er sich einer Macht gegenüber, die ihre eigene Grundlosigkeit und Unbegründetheit total verbirgt, – die in jedem Moment nicht-liest. (Und der böse Witz dabei ist, dass er angeklagt ist des Lesens.)

Was bleibt ihm, als diese Macht wieder zu lesen:

Das Buch übt präzise Sprachkritik. – Man hat dem Beschuldigten seinen Computer nicht geraubt, dieser wurde „sichergestellt“; er hat bisher nicht in seiner Wohnung gewohnt, er hat sich darin „verborgen“; was noch nicht gesagt wurde, wurde „verschwiegen“; was die Justiz behauptet, wird „erkannt“, Suchen ohne zu finden ist „Ermitteln“, und Bilder werden nicht für ein Kunstprojekt gesammelt, sie werden „gehortet“ (und hier schliesst Saladin die Begriffsgeschichte und Begriffspolitik des „Hortens“ an), und überhaupt Kunst? „Auf die Kunst reden sich alle heraus“, so die Juristin.

Immer passiert hier dasselbe: Produktion von Gegebenheiten durch die sogenannte „Ermittlung“. „Es lag nichts vor, es musste zum Vorliegen gebracht werden.“

Besonders wirkungsvoll geschieht das durch gezielte Unschärfe: „etc.“ („Pornografie etc.“) – Eigentlich Harmloses tritt im „Übermass“ auf. Und wir erleben mit, wie die Anschuldigung „Kinderpornografie“ von der Justiz auf schlüpfrige Weise „erhärtet“ wird: Auf den Bildern sollen Mädchen zu sehen sein, die „posieren“, ihre Beine sind nicht auseinander gestellt, sondern „gespreizt“, gewisse Körperstellen „dem Blick frei gegeben“, was alles über diesen Blick und nichts über die Körperstellen sagt.

 

3 /  Wenn der frisch Verhaftete, auf seinem Bettrand sitzend, noch denkt: „Das sind saubere Schweizer Behörden… die erfinden nichts…. die bilden nur ab, die Wirklichkeit, die Wahrheit“, dann war das der allerletzte Versuch, nicht wahrzuhaben, was passiert: dass die Justiz als ein grosser „Wirklichkeitskonstruktionsapparat“ funktioniert, der genau darum Recht hat und im Recht ist, weil er das erzeugt, was er vorzufinden behauptet.

Saladins Buch ist ein glänzender Kommentar zu Kafkas Roman „Der Process“. Erst jetzt verstehe ich Sätze bei Kafka, und ich wünsche auch, es wäre mir erspart geblieben, sie so gut zu verstehen: Kein Unschuldiger wird verhaftet, wer verhaftet wird, kann nicht unschuldig sein; das Verfahren geht von selber ins Urteil über, der Prozess ist schon die Bestrafung.

Saladin hätte auch einen Roman schreiben können. Ohne Zweifel. Aber indem er das dokumentarische Verfahren wählt, kann er demonstrieren, dass die „Realität“ selber schon hochgradig fiktional ist. Das ist sie auf brutale Art, nämlich absolut unreflektiert, ohne das kleinste Bewusstsein ihres Konstruktivismus. Das macht die Justiz zur Gefahr für uns Bürger: Beamte referieren auf Fakten, die es nicht gibt, die erst durch dieses Referieren hergestellt werden, und weil sie schuldhaft, kriminell sein sollen, geht Existenz tatsächlich kaputt.

Wie geschieht das? Es kommt auf die Kleinigkeiten an: Warum eigentlich geschieht eine solche Verhaftung morgens um halb 6? Warum muss die Toilettentür offen bleiben, während der Verhaftete uriniert? Warum muss er noch vor Unterrichtsbeginn ins Schulhaus gefahren werden, und die Frau darf nicht mitfahren, weil es keinen Platz habe, und da wäre Platz… So beginnt es, Minute für Minute, und so geht es weiter, die ganze Länge des Verfahrens lang, eine Länge, die, so meint man zuerst, unsinnig und nicht nötig wäre, die aber, das sieht man dann immer besser ein, genau darum nötig ist, weil dieses zum Dauerzustand gewordene Aussetzenlassen des Lebens zum Verfahren gehört, selber das Verfahren ist, in dem ein unbescholtener Mensch zum Angeschuldigten und Schuldigen gemacht wird.

 

4 /  Immer wieder stellt Saladin die Frage: Was ist hier am Werk? Ist es Pfusch, ist es Dummheit, Bösartigkeit, „kriminelle Energie“ – oder hat es System? Und immer wieder ist die Antwort, die er vorschlägt: Das alles hat System, es ist ein System, ein Wahnsystem. Der Wahn heisst im konkreten Fall „Kinderschutz“.

„Kinderschutz“. Da spüren wir schon, wie die Gefühle auftreten, in uns. Hinter der Justiz stehen die mächtigen Antreiber: das gesunde Durchschnittsempfinden, die landläufige herrschende Meinung, die volkstümliche Empörung. Dieses Empfinden ist ja nichts Unmittelbares, es empfindet sich nur so: Es ist hochgradig konstruiert.

Das aktuelle Empfinden verlangt Sicherheit. Durch Überwachung, Kontrolle, Schutz. Nulltoleranz statt Verhältnismässigkeit, kategorische Urteile statt Betrachtung von Einzelfällen. Hätte man die vielen, die für ein lebenslanges Berufsverbot für Sexualstraftäter gestimmt haben, gefragt: Was ist eigentlich ein Pädophiler – eher ein Mensch mit einer bestimmten sexuellen Orientierung oder ein Straftäter? hätten dann nicht viele das Zweite gesagt? Aber was soll dieser Unterschied, wenn das Ideal darin besteht, die Täter am besten dingfest zu machen, bevor sie zu Tätern geworden sind?

Und was sich besonders zu schützen eignet, das sind die Kinder. Nicht die wirklichen Kinder, die von uns Erwachsenen unverletzt zur Selbstbestimmung geführt werden müssen, sondern das „Kind“ als Phantasma einer absoluten Reinheit, welcher wir Bewohner einer korrumpierten, unreinen Welt nicht missen wollen. Wahnhaft, mit allen Mitteln der Überwachung. Auch wenn darunter die Selbstbestimmung der wirklichen Kinder leidet.

Jene Journalistin hat nichts verstanden, die es bedauert, dass unser Justizsystem (das beste aller möglichen) leider hin und wieder halt solche Fälle zulässt wie den Fall Saladin, und die den Zeigefinger erhebt, wie wichtig es doch sei, behutsam vorzugehen und solche vielleicht unvermeidbaren Kollateralschäden auf das nötigste Minimum zu reduzieren.

Das Problem ist nicht die Panne im System, sondern sein Funktionieren. – Saladin geht so weit, zu sagen: Die einzelnen Beamten ändern nichts. Wäre jene Staatsanwältin nicht gewesen, jemand anders hätte ihren Platz eingenommen. – Darüber haben wir gestritten, und darin sind wir uns nicht einig. Ich denke: Erst die Beamten, die den Apparat nicht gemacht haben, die es aber an eine seiner Schaltstellen gespült hat, halten diesen am Laufen; und auch wenn sie nichts anderes tun, als in seinem Sinn zu funktionieren, so macht es doch einen Unterschied, ob dieses Funktionieren sperrig und widerständig ist oder willfährig und gut geölt. Und das Widerwärtigste ist es, wenn an der eingenommenen Stelle davon Gebrauch gemacht wird, dass man ungestraft entsorgen kann, was indivuell psychisch so anfällt. Es bleibt ungestraft, wir müssen es wehrlos hinnehmen, aber wir sollten doch, finde ich, Verachtung zeigen; ob es sich nun um eine Blick-Journalistin handelt, die dem Publikum jene niedrigsten Instinkte bedienen will, die sie ihm unterstellt, oder um eine Erziehungsdirektorin, die es sich nicht nehmen lässt, einen sozusagen regungslos Daliegenden noch einmal ungestraft zu treten.

Lesen wir dieses Buch. Es handelt von einem Lehrer, der mit seinen Schülerinnen und Schülern gelesen hat (und für den darum das gilt, was ihm von der Juristin ins Gesicht gesagt wird: „Da gehen Sie aber auf einem schmalen Grat“) und der gegen das Unrecht, das ihm widerfahren ist, nur das aufbieten kann: Lesen. Wir Lesenden, wir lehrende Leser, lesende Beamten!, wir haben keine andere Wahl. Wir gehen auf einem schmalen Grat.

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Reflexionen der Klasse 3i, Klasse aus welcher die Anklage ihren Lauf nahm

 

Wir erinnern uns an Herrn Saladins Gehirn-Zeichnungen auf dem Hellraumprojektor.

Wir erinnern uns an seine anspruchsvollen Stunden voller Energie und Passion für den Lehrberuf.

Wir erinnern uns an die Take-Home-Messages und an die Konzentrationsübungen vor der Prüfung.

Und wir erinnern uns auch an seine menschliche Umgangsweise mit uns Schülern.

 

Heute ergreifen wir zum ersten Mal im Namen der ganzen Klasse das Wort und äussern uns zum „Fall Daniel Saladin“. Wir möchten diese Gelegenheit nutzen, um endlich einmal unsere Perspektive zu teilen, und sehen dies zugleich als einen Versuch an mit dem Ganzen abzuschliessen.

 

In all diesen Jahren wurden wir nie einbezogen oder befragt, weder zu jeglichem Verdacht, noch während den Ermittlungen oder dem Verlauf des Prozesses. Wir wurden also komplett übergangen und im Dunkeln gelassen. Als unser Lehrer noch vor Semesterende nicht mehr in die Schule kam und der Deutschunterricht von einer neuen Lehrperson übernommen wurde, begannen sich verschiedenste Theorien über die Hintergründe seines Wegbleibens zu bilden. Manche von uns wussten mehr über die wahre Ursache, durften aber unter keinen Umständen etwas verraten, und andere ahnten gar nichts. Im Laufe der Zeit kristallisierten sich einige Fakten heraus und es wurde hinter vorgehaltener Hand darüber geredet.

 

Dieses Totschweigen und das daraus entstehende Halbwissen belasteten uns, sowohl als Klasse wie auch persönlich enorm. Jeder hat versucht auf seine Weise damit umzugehen.

 

Erst nach 2 Jahren haben wir das Thema offen in der Klasse zur Sprache gebracht. Da keine Ansprechperson sich bereit erklärte mit uns den Fall zu thematisieren, haben wir dies selbst in die Hand genommen. Unter Beizug der Schulpsychologin haben wir das Gespräch mit der betroffenen Mitschülerin und miteinander gesucht. Ein Gespräch, das in Tränen und Wut, aber auch in Erleichterung geendet hat. Endlich konnten wir unseren angestauten Emotionen freien Lauf lassen. Wir haben damals gehofft, dies sei der Abschluss dieses Themas…

 

So haben wir versucht uns differenziert und so erwachsen wie möglich diesem Thema zu stellen, was wir bei unseren Lehrpersonen sowie anderen Schülern teilweise vermissten. Immer wieder mussten wir uns dumme Sprüche anhören, wie gefährlich es doch sei, unsere Klasse zu unterrichten. Rückblickend müssen wir sagen, dass sich die Schule uns gegenüber nicht immer richtig verhalten hat. Sie hat uns in dieser schwierigen Situation nicht begleitet. Wir verstehen aber auch, dass es für die Schulleitung und die Lehrpersonen ebenfalls eine grosse Herausforderung war und wir ihre doch menschlichen Reaktionen darauf nachvollziehen können. Wir rechnen es dem Rektorat hoch an, dass es Daniel Saladin von Anfang an unterstützt hat und immer noch hinter ihm steht.

 

Dies bestätigte uns in unserer hohen Achtung vor Daniel Saladin sowohl als Lehrperson als auch als Mensch. Herr Saladin hat mit Extremen gearbeitet und die Auseinandersetzung mit der ausgewählten Lektüre war bei weitem nicht einfach. Auch wir waren an manchen Stellen des Buches „Dunkler Frühling“ aufgewühlt, wütend, angeekelt und schockiert. Wir verstehen, dass man sich an solchen Werken stören kann. Herr Saladin liess uns jedoch nicht alleine mit diesen Emotionen und ging im Unterricht auf unsere Beanstandungen ein. Auch deshalb können wir das unüberlegte und voreilige Vorgehen gegen unseren Lehrer nicht nachvollziehen. Es war ihm ein grosses Anliegen, uns den Unterschied zwischen emotionaler und sachlicher Lektüre nahezubringen und uns zu einer differenzierten Betrachtungsweise anzuregen. Somit bereitete er uns quasi unfreiwillig auf den Umgang mit dem späteren Prozess und den berichtenden Medien vor. Dank Herrn Saladins Unterricht ist es uns heute möglich Zeitungsartikel, aber auch Reaktionen aus unserem Umfeld zum Fall differenziert zu betrachten.

 

Leider zeugt ein Grossteil der zum „Fall Saladin“ publizierten Artikel nicht von einer differenzierten Auseinandersetzung. Auch die Handhabung des Falles vonseiten der Anklage hat uns zutiefst erschüttert und wütend gemacht. Die Fakten wurden ad absurdum verzerrt. Aus einer Abschlussstunde vor den Ferien wurde eine „rituelle Orgie“, was sie mitnichten war – und die mutmasslichen Opfer werden nicht einmal dazu befragt?! Diese Frage wird uns wohl noch lange beschäftigen… Wir wurden als „zu jung“ angesehen, um mit diesen Texten umgehen zu können und gleichzeitig aber als „alt genug“, um uns mit diesem Fall alleine auseinanderzusetzen.

 

Schon so oft glaubten wir, einen Abschluss gefunden zu haben, doch immer wieder holt uns die Geschichte ein. Leid tut uns vor allem, dass wir uns nie von unserem Lehrer verabschieden durften und ihm in dieser schweren Zeit keine Stütze sein konnten. Schade ist auch, dass die öffentliche Solidaritätsbezeugung erst zu einem so späten Zeitpunkt laut wurde. Wir lernen daraus, dass man die Augen nicht erst dann öffnen darf, wenn es zu spät ist.

 

Wir danken Ihnen, Herr Saladin, für Ihre ansteckende Freude an der Literatur und der deutschen Sprache.

 

Mier danked dier, Daniel, für dini Herzlichkeit und für alles, was du eus mit uf de Wäg geh häsch. Danke, dass du eus Muet gmacht häsch und dich au für eus als Mänsche und nöd nur als Schüeler interessiert häsch. Danke, dass du d’Frag „Wie gahts der?“ würklich ernst gmeint häsch.

Referat Klasse 3i SchuelerInnen.pdf
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Flyer zur Matinée Lesung
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