Hintergrund

Juli 2009: Verhaftung eines Lehrers. Oktober 2011: Verhandlung vor Bezirksgericht. Freispruch im Hauptanklagepunkt (Schule), geringe Geldstrafe bedingt wegen 36 Fotografien. Weiterzug des Urteils durch Staatsanwaltschaft. Rückzug der Revision kurz vor Verhandlung am Obergericht im Juli 2012. Veröffentlichung des Buches AKTION S. im Rotpunktverlag Zürich im März 2014.

Juli 2009: Verhaftung

Im Jahre 2009 wird  ein Deutschlehrer an einem Zürcher Gymnasium unter dem Vorwand, sein Unterricht handle im Übermaß von Sexualität bzw. die von ihm behandelte Literatur sei pornografisch, verhaftet, seine Wohnung durchsucht, er selbst an der Schule als Verhafteter vorgeführt. Als Beleg für das Übermaß bzw. die Pornografie fungieren allein fünf verschiedene  Texte aus der Weltliteratur: Marlen Haushofers Die Menschenfresser, Aglaya Veterayis Warum das Kind in der Polenta kocht, Unica Zürns Dunkler Frühling, Jeffrey Eugenides‘ Die Selbstmord-Schwestern und  Frank Wedekinds Frühlings Erwachen. Die polizeilichen Ermittlungen beschränken sich auf die Übernahme von Anschuldigungen einer Mutter, welche Pornografie in die Texte hineinliest. Dabei wird von Anfang an bewusst außer Acht gelassen, dass dieser einen Mutter und ihrem Mann die übrige Elternschaft, die Schülerinnen und Schüler und die Schulleitung, was das Urteil über den Unterricht betrifft, geschlossen entgegenstehen. Eltern, Schüler/innen und Schulleitung indes werden niemals befragt. Die Staatsanwaltschaft übernimmt vielmehr die Anschuldigungen ungeprüft von der Polizei und ein Obergerichtsgremium konstruiert daraus einen Verhaftungs- und Durchsuchungsgrund, der bei jeder halbwegs sorgfältigen Lektüre in sich zerfällt.

 

Kriminalisierung weltliterarischer Werke

Als Vorwand erweist sich die Kriminalisierung weltliterarischer Werke und des daran geschleusten Unterrichts deshalb, weil der Unterricht niemals untersucht wird und sich die angeblich untersuchende Staatsanwältin zugegebenermaßen nicht für den Inhalt der Werke und den Unterricht interessiert. Ein Telefonat, das der Mann der anzeigenden Mutter Jahre nach der Verhaftung mit einer anderen Mutter eines Schülers führt, verdeutlicht, was die genaue Lektüre aller Dokumente zwingend nahe legt: Es geht von Anfang an um das Aufspüren eines Schädlings, eines vermuteten Pädophilen. Ein Schaden existiert – auch das räumt die Staatsanwältin explizit ein – nicht. Er muss erfunden werden.  Damit man vorgehen kann.

 

Bezug zur europäischen Geschichte

Allein das erinnert an schreckliche Zeiten der europäischen Geschichte. Durch die zweckbedingte Kriminalisierung werden die inkriminierten Werke selber zu kranken Produkten, zu Pornografie, zu entarteter Kunst. Wer solche Werke liest, der ist verdächtig, „einer“ zu sein. Zwingend muss der aus der juristisch in keiner Weise gerechtfertigten Wohnungsdurchsuchung hervorgehende Befund den Vorgang sodann im Nachhinein rechtfertigen und das Material liefern, das den Lehrer zu einem Schädling macht. 36 Fotografien, zu denen der Richter an der Verhandlung im Oktober 2011 festhält, er könne nicht sagen, ob sie überhaupt zu einer Bestrafung führten und wenn ja, dann zu einer sehr geringen, 36 Fotografien, von denen der Lehrer ohnehin nur 11 jemals besessen hat, 36 Fotografien, die auf dem PC seit Jahren nicht mehr vorhanden und von der Polizei angeblich re-konstruiert worden sind, 36 Fotografien, die noch vor kurzer Zeit nicht als pornografisch beurteilt worden wären, 36 Fotos allein (aus etwa 5000 Akten insgesamt und gegen 80‘000 Fotos insgesamt in Alben und Fotobüchern) können für diesen Zweck dienlich gemacht werden.

 

Das Urteil

Weil die „Tat“ juristisch - selbst bei Referenz auf erkenntnistheoretisch inkonsistente und paradigmatisch dem Zeitgeist entspringende Bundesgerichtsentscheide (blaue Haarschleife als Indiz für Pornografie) - ein Bagatellvergehen bleibt, muss der Kollateralschaden das bewirken, was der juristische Schiedsspruch des Bezirksgerichts nicht zu erzeugen vermag: die definitive moralische Tilgung des Schädlings. Zu diesem Zweck werden, nachdem die Staatsanwaltschaft 24 Stunden vor der Verhandlung vor dem Obergericht (nach 3 Jahren Zermürbung ohne Ermittlung) ihre Revision ohne Begründung zurückzieht, die 36 Fotos ein weiteres Mal breitgeschlachtet und ins Monströse verkehrt. Zuständig hierfür sind die Politik und die Presse. Das von der Justiz unspezifisch angebotene Reizwort der Kinderpornografie macht es möglich. Dass es sich um Aktfotos handelt, deren Einstufung als Ermessensentscheid zu bezeichnen ist, wird nur ganz vereinzelt festgehalten. Nicht einmal der Differenzierungsgrad im schriftlichen Urteil selbst („Bilder von leichter Natur“) wird in der ‚Berichterstattung‘ erreicht. In der ausführlichen Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur zum Rückzug der Revision sind die Aktfotos stattdessen zu Sexfotos mit Kindern mutiert. Wer den Schädling braucht, (er)findet ihn.  Mit den ins Monströse verdrehten Fotos bleiben die rechtsstaatlichen Ungeheuerlichkeiten im Verfahren (wie zum Beispiel die Tatsache, dass die Lektüre von Büchern wieder reicht, um vom Staat überhaupt überfallen zu werden, aber auch Ungeheuerlichkeiten im Verhalten der Bildungsdirektion) vollständig außen vor. Das Totschlagwort „Kinderpornografie“ ersetzt  jeden Diskurs. Dabei stünde auch, was Nacktheit und Sexualität betrifft, dringend ein Diskurs an.

 

Buch zum Fall

Auch nach der Veröffentlichung des Buches „Aktion S.“ im März 2014 übernimmt die Presse weitgehend die Sprachregelungen der Staatsgewalt und operiert so ganz im Sinne einer gesellschaftlichen Grundstimmung. Eine Stimmung, welche das Buch, indem es den Fall ebenso dokumentarisch wie auch textanalytisch einliest und darstellt, dekonstruiert. In der medialen Berichterstattung fehlt jedes Bewusstsein für diese Dekonstruktion bzw. die Textanalyse, welche dieser Dekonstruktion zugrunde liegt. Nicht weil es heftige Kritik am Buch gäbe (es gibt keine Textkritik bis jetzt), nein, weil es Stereotype und Ideologien sind, welche unter dem Vorwand, das Buch zu besprechen, repetiert werden, gibt es diese Site. Sie geht auf die Initiative einer Gruppe von Menschen zurück, welche davon überzeugt sind, diese Geschichte gehe „uns alle an“. (vgl. Unterstützungserklärung mit Liste der Unterschreibenden).