Der Fall Daniel Saladin geht uns alle an

Für eine differenzierte Auseinandersetzung mit Kunst, Literatur und Sexualität in der Gesellschaft

Ein Zürcher Lehrer wird angeklagt, Minderjährigen pornographische Schriften zugänglich gemacht zu haben. Dabei hatte er im Unterricht Weltliteratur wie Wedekinds Frühlings Erwachen gelesen. Das genügte für seine Verhaftung. Ein absurder Prozess nimmt seinen Lauf und endet mit einem Freispruch und einem physisch und psychisch stark angeschlagenen Menschen. Ein Skandal.

 

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“So geschah es nicht nur dem Protagonisten in dem 1925 veröffentlichten Roman Der Prozess von Franz Kafka. Gleiches erlebte auch Dr. Daniel Saladin, Deutschlehrer am Literargymnasium Rämibühl in Zürich, im Juli 2009. Die Mutter einer Schülerin hatte den bei SchülerInnen und KollegInnen beliebten und geschätzten Germanisten, Buchautor und Gymnasiallehrer anonym bei der Staatsanwaltschaft Zürich angezeigt. Vorwurf: Der Lehrer habe seine SchülerInnen übermässig mit pornographischer Literatur konfrontiert. Er wurde verhaftet, seine Wohnung und sein Arbeitsplatz in der Schule durchsucht, seine Computer konfisziert. Die Staatsanwaltschaft Zürich erhob Anklage wegen „Verbreitung von Pornographie an Minderjährige“. Mit „Pornographie“ sind hier Werke der Weltliteratur gemeint, die in Schulbibliotheken ausleihbar sind und im Unterricht gelesen werden: Frank Wedekinds Frühlings Erwachen, Marlen Haushofers Die Menschenfresser, Jeffrey Eugenides‘ Die Selbstmord-Schwestern, Aglaja Veteranyis Warum das Kind in der Polenta kocht, Unica Zürns Dunkler Frühling. Daniel Saladin wurde sofort vom Unterricht freigestellt. Manche Medien berichteten in der Folge undifferenziert über den Fall und bezeichneten Daniel Saladin als „Porno-Lehrer“ oder brachten ihn mit Pädophilie in Verbindung.

 

Die zuständige Staatsanwältin verschleppte das Vorverfahren über zwei Jahre. In dieser Zeit wurden weder KollegInnen des Angeklagten befragt noch SchülerInnen, die Daniel Saladin im Laufe seiner 20-jährigen Tätigkeit als Lehrer unterrichtet hat. Die Anklage stützte sich allein auf die Aussagen einer Mutter, die den Unterricht zu keiner Zeit beobachtet hatte.

 

SchülerInnen empörten sich auf Facebook und in einem Leserbrief und sprachen von einer "ungeheuren Missachtung der Sorgfaltspflicht". Sie betonen, dass ihr Lehrer die gelesenen Werke mit ihnen immer kritisch analysiert habe, dass er dabei konsequent intellektuelle Arbeit verlangt habe und dass von Pornographie nicht die Rede sein könne. Eltern schreiben in einem Brief an die Bildungsdirektion, dass man sich einen Lehrer, der im Unterricht Themen wie Jugend und Sexualität offen diskutiert, nur wünschen könne.

 

Im November 2011 sprach der Richter den Angeklagten im Hauptanklagepunkt frei. Im Nebenanklagepunkt „Besitz unerlaubter Fotografien“ verurteilte das Gericht Daniel Saladin zu einer niedrigen Geldstrafe. Auf seinem Computer hatte man in einer grossen Fotosammlung auch Aktaufnahmen von Menschen verschiedener Altersstufen gefunden. Eine Webseite, von der Daniel Saladin Ende der 90er-Jahre Aktfotos heruntergeladen hatte, war mittlerweile illegal. Er hatte die Bilder schon lange wieder gelöscht. Die Polizei konnte diese aber wiederherstellen. Keines dieser Fotos wurde im Unterricht verwendet. Sie dienten aber dazu, nachträglich Gründe für die Verhaftung zu konstruieren.

 

Als Reaktion auf den Freispruch reichten Zürcher Politiker, Mitglieder des Kantonsrates aus vier Parteien, eine Anfrage an den Regierungsrat mit dem Titel „Umgang mit Pädophilie durch Lehrpersonen in Zürcher Schulen“ ein. Darin wird gefragt, was unternommen werde, "wenn eine Lehrperson in irritierender Häufung Literatur behandelt, die sexuelle Praktiken beinhaltet" und wann die "Grenzen des Zumutbaren" erreicht seien. Die von Daniel Saladin gelesenen Bücher werden als "harte pornographische Werke" bezeichnet, die an einem Gymnasium nichts zu suchen hätten.

 

Im März 2014 veröffentlichte Daniel Saladin sein Buch Aktion S. Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf. Darin setzt er sich minutiös mit dem auseinander, was ihm widerfahren ist. Er analysiert und reflektiert die Justiz eines Systems, das er als totalitär erfuhr, die Hintergründe der anonymen Verleumdung, die er als Denunziation charakterisiert, und die Hysterie einer Gesellschaft, in der zwar Pornographie allgegenwärtig ist, in der man aber verhindern möchte, dass sich ein Lehrer differenziert und engagiert mit existentiellen Themen des Lebens – wie Sexualität, Tod und Krankheit – beschäftigt.

 

Daniel Saladin – ein tragischer Einzelfall, Opfer des unglücklichen Zusammentreffens verschiedener Faktoren? Wir meinen: nein. Was ihm widerfahren ist, geht uns alle an, die für eine offene Gesellschaft kämpfen. Das geht alle an, die die unerlässliche Prävention von sexuellem Missbrauch durch Pädosexuelle nicht instrumentalisieren wollen für eine überhitzte Debatte in den Medien und die sich der Diffamierung jeglicher Auseinandersetzung mit Sexualität und Erotik entgegenstellen wollen. Wir kritisieren die Verlogenheit und Doppelmoral einer Gesellschaft, in der Pornographie ein lukratives Geschäft für viele ist, in der aber ein Lehrer, der sich kritisch mit Tabus auseinandersetzt, verhaftet werden kann.

 

Wir protestieren gegen eine Justiz, die ein Strafverfahren vorschnell und ohne substantielle Recherchen durchgeführt hat. Die gravierenden Mängel dieses Verfahrens wurden weder Gegenstand einer internen Untersuchung noch erfolgte eine Entschuldigung. Wir protestieren gegen eine Zensur, die Werke der Weltliteratur aus dem Schulzimmer verbannen möchte. Wir protestieren gegen den Versuch, die Diskussion über Literatur im Rahmen des Deutschunterrichts an Gymnasien in den Kontext von Sexualkundeunterricht zu stellen. Im Fall Daniel Saladin geht es um Werke, in denen Sexualität auch eine Rolle spielt, und zwar im Rahmen der Beschäftigung mit Literatur, in der Themen wie Liebe, Erotik, Sexualität, auch Perversion oder sexuelle Gewalt künstlerisch verarbeitet werden. SchülerInnen lernen dabei auch, eine Sprache für diese Themen zu finden, die im Gegensatz zu Darstellungen in Internet, Werbung und Soaps steht, mit denen sie tagtäglich konfrontiert werden.

 

Wir wollen ein Zeichen setzen und veranstalten am Sonntag, 15. Juni 2014, um 11.00 Uhr im Theater Neumarkt in Zürich eine Matinée: Lesung aus dem Buch von Daniel Saladin, sowie Vorträge, Philosophie, Performance und Musik.

 

 

Vorbereitungsteam

Yvonne Weissberg, Lehrerin für Deutsch und Geschichte an der Kantonsschule Zürcher Oberland

Michèle George, Projektmanagerin und ehem. Schülerin von Daniel Saladin (DS) an der Kantonsschule Wettingen

Corinne Rufli, Historikerin, Journalistin und ehem. Schülerin von DS an der Kantonsschule Wettingen

Elena Benzoni, Lehrerin für Bildnerisches Gestalten am Literargymnasium Rämibühl

Gabriele Franz, Mutter einer ehemaligen Schülerin von DS am Literargymnasium Rämibühl

Christian Seiler, Regisseur und Schauspieler, Leiter der AG Theater Rämibühl

Aufruf zur differenzierten Auseinandersetzung mit Kunst, Literatur und Sexualität in der Gesellschaft
Der Fall Daniel Saladin geht uns alle an
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