Lesen statt hetzen

Den unbedarften Berichten, die auf die Publikation des Buches „Aktion S. – Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf“ von Daniel Saladin hin erfolgten, soll eine differenzierte Wirklichkeit gegenübergestellt werden. Das ist das Ziel dieser Website. Sie soll zu exaktem Lesen ermutigen und komplexem Denken abseits von Reizwörtern den Weg ebnen. Ein politisches Ziel. Außerdem soll die Site den Bewusstseinsprozess, der - dem „Diskurs“ in den Medien zum Trotz - in Gang gekommen ist, bezeugen.

 

Ja, ich widme der Liebe in der Literatur viel Platz. Das geht auf einen einfachen Umstand zurück: Die Liebe ist das zentrale Thema der deutschen Literatur – von Walther von der Vogelweide bis zu Ingeborg Bachmann und Sarah Kirsch. Zu den größten Erotikern der europäischen Literatur gehören zwei deutsche Autoren: Goethe und Heine. Gut beraten ist der Lehrer, der immer wieder auf Erotisches eingeht. Und ich hätte Sympathie für einen Deutschlehrer, der plötzlich, jeden Kanon ignorierend, seine Schüler beispielsweise Nabokovs "Lolita" lesen lässt oder Tschechows Erzählung "Die Dame mit dem Hündchen".

 

Zitat: Marcel Reich-Ranicki, Der Spiegel, 18. Juni 2001

 

Die Beiträge auf www.lesenstatthetzen.ch  sind vor dem Hintergrund zu lesen, dass offizielle schweizerische Justizorgane mit - rechtsstaatlich und ethisch gesehen - ungeheuerlichen Wirklichkeitskonstruktionen operieren können, ohne dass dies Konsequenzen zur Folge hätte. Vielmehr wird die im Buch „Aktion S. – eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf“ mit Belegen dekonstruierte Wirklichkeit der Staatsanwaltschaft in fast sämtlichen „Buchbesprechungen“ ein weiteres Mal re-installiert. Dabei wiederholen sich Muster, die bereits das Verfahren zeichneten: So wenig die Staatsanwaltschaft die Texte, die sie inkriminiert, kennt, so wenig scheinen die Journalisten den Text zu kennen, den sie besprechen. Dass sodann Medien belegte justizielle Vergehen wie Rufmord in keiner Weise thematisieren geschweige denn kritisieren und stattdessen extensiv, undifferenziert und stereotyp mit dem Totschlagwort „Kinderpornografie“ operieren, spiegelt das gesellschaftspolitische Klima wieder, in dem der zu einem „Fall Saladin“ mutierte Einbruch der Staatsgewalt in das Leben eines Menschen spielt. In Wirklichkeit handelt es sich zunächst um einen „Fall Zürcher Staatsanwaltschaft“ bzw. um den Versuch, Literatur zwecks Schädlingsbekämpfung und im Zuge eines grenzenlos metastasierenden Schutzwahns zu kriminalisieren. Dieser Versuch kann da kritiklos über die Bühne gehen, wo totalitäre Denk- und Handlungsmuster schon weit um sich gegriffen haben.

 

Solche Denk- und Handlungsmuster sind im Kern das, was das Buch „Aktion S.“ über genaue Textarbeit herausstellt. Wenn dies in Buchbesprechungen, die sich bei genauer Lektüre als staatshörige Teil-Abbildungen des Falles herausstellen, mit keinem Wort zum Thema wird und wenn einzig eine deutsche Zeitung (Heribert Prantl in der Süddeutschen) Kritik am Vorgehen der Staatsorgane formuliert, dann ist es Zeit zu handeln.

 

Viel Spielraum ist nicht gegeben. Diese Website soll zum Lesen  motivieren. Textarbeit soll stereotype Muster ersetzen. Die Matinee vom 15.6.2014 im Theater Neumarkt ist in diesem Sinne zu verstehen.